Parkinson-Netzwerk Südniedersachsen im Kreishaus in Hildesheim gegründet

Erscheinungsdatum: 09.09.2026

Nach drei Jahren Forschung steht das Netz: In Hildesheim wurde jetzt das Parkinson-Netzwerk Südniedersachsen gegründet. Rund 150 Gäste kamen ins Kreishaus, um die Ergebnisse des Projekts ParkNetz zu erleben und den offiziellen Startschuss mitzuerleben. Betroffene, Angehörige und Versorgende sollen künftig enger zusammenarbeiten. Vier Sprecher*innen wurden für das neue Netzwerk benannt.  

Drei Jahre lang hatten Wissenschaftlerinnen der HAWK und der Universitätsmedizin Göttingen untersucht, wie es um die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Parkinson-Krankheit in der Region bestellt ist. Das Projekt ParkNetz befragte dafür Betroffene, An- und Zugehörige sowie Versorgende aus den Landkreisen Goslar, Göttingen, Hildesheim, Holzminden und Northeim. Gefördert wurde die Arbeit über drei Jahre (2023 bis 2026) durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die VolkswagenStiftung im Programm „zukunft.niedersachsen". Nun zog das Projektteam im Kreishaus Hildesheim Bilanz und übergab die Ergebnisse gleichzeitig an ein neu gegründetes Netzwerk, das die Arbeit fortführen soll.

 

Projektleiterin Prof. Dr. Hendrike Frieg von der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK beschrieb die Grundlage der Gründung so: „Wir haben heute ein Parkinson-Netzwerk gegründet. Wir haben das gegründet auf Basis von Ergebnissen aus einem dreijährigen Forschungsprojekt. Und mit diesen Ergebnissen können wir jetzt tatsächlich sagen, das Netzwerk entsteht nicht einfach so, sondern wir wissen, was diese Region braucht."  Ein zentrales Ergebnis der Forschung war der Bedarf an mehr Beratung – für Erkrankte, ihre Familien und ebenso für die Gesundheitsversorgenden selbst. Hinzu komme der Wunsch nach mehr Sichtbarkeit von Fachleuten mit Parkinson-Expertise, damit Betroffene eine qualitativ hochwertige Versorgung in ihrer Umgebung finden können.

Für die praktische Arbeit hatte das Projektteam auf partizipative Methoden gesetzt: Mit Community-Mapping erstellten in einer Projektphase Menschen mit Parkinson-Krankheit sowie Versorgende getrennt voneinander Karten zu bestehenden Angeboten und Lücken in der Versorgung. Über die Methode PhotoVoice dokumentierten Betroffene und Angehörige den Alltag ihrer Gesundheitsversorgung in Bildern und leiteten daraus gemeinsam Wünsche an eine künftige Versorgung ab – etwa eine zentrale Anlaufstelle nach der Diagnosestellung. Eine breit angelegte, anonyme Befragung unter rund 1.800 angeschriebenen Versorgungsakteur*innen in Südniedersachsen ergänzte das Bild, gut 14 Prozent beteiligten sich. Die Ergebnisse flossen anschließend in vier Co-Creation-Workshops mit rund 20 Personen aus allen fünf Landkreisen, aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen sowie aus der Selbsthilfe, in ein Modellkonzept für das künftige Netzwerk ein.

Wie wichtig der fachübergreifende Austausch für die medizinische Praxis ist, machte Dr. Dirk Czesnik deutlich. Er ist niedergelassener Neurologe in Göttingen und einer der neu gewählten Netzwerksprecher: „Netzwerk ist wichtig, damit wir Patienten mit komplexen Erkrankungen besser behandeln können, effektiver behandeln können, weil es schier unmöglich ist, das große Ganze bei dieser Komplexität im Blick zu halten." Er verwies zugleich auf rechtliche Hürden im ambulanten Alltag: Datenschutz und die freie Ärzt*innen- und Therapeut*innenwahl erschwerten es bislang, feste Fallbesprechungen zwischen niedergelassenen Praxen zu organisieren, wie sie im klinischen Bereich längst üblich sind. Das neue Netzwerk versteht sich dabei ausdrücklich nicht als geschlossener Zirkel: „Es ist ein offenes Netzwerk, es ist kein geschlossener Kreis. Alle, die letztlich auch die gleichen inhaltlichen Werte vertreten, sind herzlich eingeladen."  

Auch aus hausärztlicher Sicht wurde der Bedarf an besserer Vernetzung bestätigt. Prof. Dr. Eva Hummers, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen, selbst in einer Landarztpraxis tätig und im Projektteam vertreten, sagte im Fazit: „Ich halte das Projekt für sehr wichtig. Wir leben in einem sehr fragmentierten Gesundheitssystem, in dem Einzelpersonen manchmal schwierig zu erreichen sind.“ Beispielsweise könne es manchmal Monate dauern, bis man einen Termin bei einem Neurologen bekommt. Von der Forschungsarbeit selbst habe auch sie profitiert: „Ich habe zwei neue Methoden kennengelernt", berichtete sie und beschreibt, wie aus den ihr neuen Ansätzen PhotoVoice und Community-Mapping eine eigene Dynamik entstanden sei.

 

Für die praktische Versorgung vor Ort ist zusätzlich auch die kommunale Ebene gefragt. Helga Kassebom vom Pflege- und Seniorenstützpunkt des Landkreises Hildesheim nahm bereits an mehreren Vorveranstaltungen des Projekts teil und sieht im Netzwerk vor allem einen Gewinn für die Lotsenfunktion ihrer Einrichtung: „Ich glaube, es hilft den Menschen mit Parkinson, ihren Angehörigen extrem gut, die richtige Versorgung für sich selbst zu finden, die richtigen Angebote." Bislang fehle es häufig schlicht an gegenseitigem Wissen: „Häufig weiß der eine ja gar nicht vom anderen, dass es ihn gibt und es Schnittstellen gibt", so Kassebom.

Ein Baustein des künftigen Netzwerks ist ausdrücklich die Stärkung der Betroffenen selbst. Andrea Held, Physiotherapeutin und ebenfalls eine der vier neu benannten Netzwerksprecher*innen, verantwortet den Bereich Empowerment: „Menschen zu befähigen, Wissen zu erlangen und dass sie ihre Versorgung autonom und gut planen und handeln können - das ist meine Lieblingssache". Die fachliche Kommunikation über die eigene Profession hinaus hält sie für unverzichtbar: „Weil das interprofessionelle Gespräch und der Austausch unglaublich wichtig ist für die Menschen mit Parkinson im Erfolg ihrer Therapie."

Mit der offiziellen Gründung ist die Arbeit des Projektteams jedoch nicht beendet. Ein Folgeprojekt begleitet den Netzwerkstart nun für weitere 15 Monate, in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsregion Göttingen-Südniedersachsen. Ziel ist unter anderem, dauerhafte Finanzierungswege zu erschließen. Zwei Aufgaben stehen für Frieg dabei im Vordergrund: ein festes Beratungsangebot sowie ein Versorgendenatlas, über den sich Parkinson-Spezialist*innen in der Region auffinden lassen: „Gründen ist das eine, Feiern ist das andere und dann ist tatsächlich auch das Tun das Wichtige", brachte sie es auf den Punkt.

Neben den Fachbeiträgen prägte auch eine begleitende Fotoausstellung die Veranstaltung, die Erfahrungen und Perspektiven von Menschen mit Parkinson-Krankheit und ihren Angehörigen zeigte – entstanden im Rahmen der PhotoVoice-Erhebung und zuvor bereits an der Universitätsmedizin Göttingen sowie beim Parkinson-Netzwerkkongress in Osnabrück präsentiert. Zum Abschluss des Nachmittags konnten die Gäste eine Gründungsurkunde unterzeichnen und damit ihre Verbundenheit mit dem neuen Netzwerk bekunden, bevor bei Speis und Trank Zeit für persönlichen Austausch blieb. Wie wichtig der Tag für die Beteiligten war, brachte Czesnik zum Schluss auf den Punkt: „Ich war schon bewegt, auch letztlich durch das Lied, was ja schon auch nochmal wirklich auf den Punkt gebracht hat, woran die Menschen wirklich leiden. Und ich bin auch bewegt durch die Motivation aller Akteure, jetzt mal loszulegen."  

Mehr Informationen: https://parknetz.hawk.de/de