Stadtgrün braucht Fachleute: Die 5. Baumklettermeisterschaft der HAWK verbindet
Felix Funke hängt in rund zehn Metern Höhe im Seil, in der Krone eines Baums auf den Göttinger Schillerwiesen. Der HAWK-Alumnus beobachtet als Helfer die Teilnehmenden beim Klettern auf Schnelligkeit (Speed Climb), einer Station, die er am Vortag mit aufgebaut hat. Seine Aufgabe ist es, darauf zu achten, „dass sie keinen sicherheitsrelevanten Fehler machen“, und im Ernstfall selbst einzugreifen.
Ausgerichtet wird der Wettbewerb von Studierenden der HAWK-Fakultät Ressourcenmanagement in Göttingen – 18 Studierende treten an, fast ebenso viele Helfende sorgen für den reibungslosen Ablauf. Für Paula Donath, Arboristik-Studentin im 5. Semester und Mitglied des Organisationsteams, ist die 5. Auflage das „erste kleine Jubiläum“. Die Meisterschaft gehört zu einem Lehrmodul, das Prof. Dr. Steffen Rust verantwortet. Wer starten will, braucht ein gültiges Zertifikat in Seilklettertechnik.
Gewertet wird bei den Meisterschaften in 5 Disziplinen, die alle den Arbeitsalltag von Baumpfleger*innen widerspiegeln: Beim Arbeitsklettern, dem Work Climb, steuern die Kletternden 5 Stationen an, die sie mit der Handsäge anschlagen müssen. So wird der Astschnitt simuliert und für das Publikum ist der Erfolg der Übung am leichtesten zu erkennen, wenn ein vorbereitetes und dann abgeworfenes Aststück aus der Baumkrone im Ziel, in einem größeren Eimer am Boden landet.
Beim Aufstieg geht es an einem frei hängenden Seil so schnell wie möglich bis auf 15 Meter Höhe hinauf, wo eine Glocke angeschlagen werden muss. In der Wurfdisziplin mit kleinen Gewichten, an denen Seile hängen, wählen die Teilnehmenden vom Boden aus zwischen verschiedenen Astgabeln, für die es unterschiedlich viele Punkte gibt. Beim Speed Climb zählt vor allem das Tempo, bei dem drei Glocken im Geäst erreicht werden müssen.
Technisch am anspruchsvollsten ist die Rettungsdisziplin, bei der eine verletzte Person aus dem Baum geholt wird. Dafür muss viel Ausrüstung in die Krone gebracht werden. „Bei der Rettung kommt es vor allem darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren“, sagt Donath. Weil es eben auch im Arbeitsalltag bei einer Rettung nicht auf absolute Schnelligkeit ankomme, es gehe vor allem darum, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Viele halten das Werfen vom Boden aus für die schwierigste Übung: „Das hat auch immer noch ein bisschen was mit Glück zu tun“, so Funke.
Für Prof. Dr. Steffen Rust erfüllt die Veranstaltung gleich mehrere Zwecke. Als Lehrveranstaltung vermittelt sie den Studierenden, wie ein Wettkampfablauf geplant und durchgeführt wird. Hinzu komme der Austausch: „Gleichzeitig ist es auch so eine Art Familientreffen, dass unterschiedliche Jahrgänge zusammenkommen. Auch viele Ehemalige sind hier und unterstützen. Dadurch kommen aktuelle und ehemalige Studierende in Kontakt und bilden so ein Netzwerk, das sicherlich über das Studium, über die Zeit in Göttingen hinausreichen wird.“ Und auch wer später nicht selbst klettere, solle wissen, wie es funktioniere, etwa „wenn sie zum Beispiel Aufträge erteilen oder Ausschreibungen planen, die Baumklettern beinhalten“.
Zwar ist Klettern kein direkter Bestandteil des Arboristik-Studiums. Dort geht es um Baumbiologie, Verkehrssicherheit, Pflegekonzepte und die Entwicklung urbaner Baumbestände. „Man kann auch studieren, ohne jemals geklettert zu sein“, weiß Rust. Die Seilklettertechnik sei allerdings eine wesentliche Zugangstechnik in der Baumpflege und viele Studierende fänden gerade über diese Praxis zum Studiengang.
Für Paula Donath hat die Meisterschaft eine Bedeutung über den Wettkampf hinaus. Sie stärke die kleine Arboristik-Community und lenke den Blick auf ein Berufsfeld, dessen Bedeutung wachse: „Gerade in Zeiten des Klimawandels, in denen wir uns befinden, ist unser Beruf wichtiger denn je. Wir alle brauchen gesundes Stadtgrün, wenn unsere Städte funktionieren und belebt sein sollen.“
Neu ist in diesem Jahr die Beteiligung der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT), der 2. deutschen Hochschule mit einem Arboristik-Studiengang. Zum ersten Mal reisten von dort Studierende nach Göttingen an. Man wolle beide Hochschulen „und insbesondere die Studierenden in Kontakt bringen und so einen Austausch organisieren“, sagt Rust. Ebenfalls zum ersten Mal gibt es eine eigene FLINTA-Wertung bei den Meisterschaften. Die Teilnehmenden können Teams bilden und wählen, ob sie in dieser oder in der Unisex-Wertung antreten.
Zu den Punktbesten gehören am Ende neben den HAWK-Studierenden Vianne Kublick (FLINTA-Wertung) und Matthis Schwengels (beide Arboristik an der HAWK) auch Matthias Dülsner aus Augsburg. Er studiert im dritten Semester Arboristik und urbanes Waldmanagement an der HSWT in Freising und findet die HAWK-Meisterschaften sehr bereichernd: „Einfach, weil man so viele kletterbegeisterte Leute sonst selten auf einem Haufen hat. Ich fand auch die Stationen richtig gut aufgebaut – und gerade der Workclimb hat mir super gefallen.“
Da der Wettbewerb im öffentlichen Park stattfindet, bleiben auch viele Spaziergänger*innen stehen. „Viele der Menschen sind interessiert, aufgeschlossen und sehen das sehr positiv, weil wir natürlich auch mit unserer Arbeit, die wir hier demonstrieren, zum Erhalt der Bäume beitragen, die ein ganz wesentlicher Bestandteil dieses Parks sind“, so Rust. Für studieninteressierte Zuschauende biete die Meisterschaft vor allem die Gelegenheit, mit Studierenden ins Gespräch zu kommen. Für manche sei das bereits der Anlass gewesen, sich später in Arboristik in Göttingen einzuschreiben.
Der NDR hat für die Sendung „hallo niedersachsen“ einen Fernsehbeitrag veröffentlicht (https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/klettermeisterschaft-baumpfleger-messen-sich-in-goettingen,hallonds-10838.html)
Beim Work Climb simulieren die Kletternden den Astschnitt: Sie steuern fünf Stationen in der Krone an und schlagen sie mit der Handsäge an.
Baumpflege zum Zuschauen: Auf den Göttinger Schillerwiesen verfolgen Studierende, Ehemalige und Spaziergänger*innen den Wettbewerb.
Punktbeste Teilnehmer*innen: Vianne Kublick (HAWK, Arboristik und FLINTA-Wertung), Matthias Dülsner (HSWT, 3. Sem. Arboristik) und Matthis Schwengels (HAWK und Arboristik)
In rund 15 Metern Höhe: HAWK-Alumnus Felix Funke sichert als Helfer den Speed Climb